Auf die Bahn ist Verlass

Ja, ihr hab richtig gelesen: "Auf die Bahn ist Verlass" Es behaupten zwar immer alle etwas anderes, aber man muss die Sache mit der Bahn von einer anderen Seite aus betrachten:

Es ist Verlass darauf, dass die Bahn nicht pünktlich sein kann, Klimaanlagenprobleme hat oder einen Reifenwechsel benötigt... was weiss ich..

Und darauf ist Verlass! Also ist auf die Unzuverlässigkeit der Bahn Verlass.

 

Ich selbst fliege ja meistens, wenn es in die Heimat geht. Und heute sollte es in die Heimat gehen. Dieser Urlaub zu meinen Fischkopffreunden im Norden ist schon lange geplant und aus verschiedenen Gründen habe ich mich diesmal für den Reiseweg per Bahn (ja, dumm von mir, ich weiss) statt per Flugzeug entschieden.

 

Die wenigen Male, die ich per Zug unterwegs war, liefen glaub ich nie problemlos; irgendwas war immer los... Das letzte Mal zu meiner Freundin nach Dresden wartete ich auf einen Zug, der immer wieder längere Verspätung anzeigte, bis es nach drei Stunden hiess: er fällt aus.. Ja, war sicher erst gerade bekannt geworden... Aber reden wir über die heutigen Erlebnisse.

 

Es war also geplant, dass ich mit dem Zug fahre. Das bedeutet für mich, dass ich je nach Verbindung von zu Hause aus laufen muss. Heute war so ein Tag. Machte mir aber nicht viel aus - denn: Mein liebender Ehemann hatte sich ausschliesslich meinetwegen den Tag frei genommen und brachte mich zum Zug (wie süss von ihm - auch wenn ich glaube, er möchte einfach ein frauenfreies, ganz langes Wochenende zum Zocken auf der PS4 haben... aber sei's drum - wie süüüssss von ihm) 

Der Weg zum Bahnhof war also ein gemütlicher Morgenspaziergang für mich und insgeheim freute ich mich über die Anderen, die um die morgendliche Zeit von 7.00 Uhr auf dem Weg zur Arbeit waren (es war eine Art Schadenfreude)

Am Bahnhof angekommen gab es die obligatorische Abschiedsszene zwischen uns (er heult mir nach und bittet um tägliche Anrufe, Info's und Bilder wie es mir geht, da er mich so vermisst und ich bitte um die unlimitierte Kreditkarte)

Mein Zug fuhr pünktlich ab und damit (mir noch unbekannt) dem morgendlichen Chaos entgegen....

Nach 10 Min kam ich am ersten Umsteigeort an.

Nur aus Gewohnheit schaute ich dort auf die Anzeigetafel für die nächsten Züge und da schwante mir nichts Gutes... viele Verbindungen hatten etwas hinten stehen und in rot markiert war eine Warnung unter der Tafel... Technische Probleme irgendwo auf der Strecke wo viele Züge durchmüssen. Mein Zug: unbekannte Verspätung... andere Züge zum nächsten Umsteigeort: unbekannte Verspätung...

Eigentlich nicht so schlimm, aber ich musste um 9.00 Uhr in Basel sein, um den ICE nach Hamburg zu bekommen.... Was also tun, wenn die Panik einen befällt: Klar, den einzigartigsten Ehemann anrufen, der wahrscheinlich schon glücklich am Gamen ist und die Frau bereits ausgeblendet hat, da sonst die Erinnerung an die herausgegebene Kreditkarte und die damit verbundenen ängstlichen Gefühle wieder aufflackern...

"Schatzi Hasi Mausi Pupsiiiiii....."

"Was los? Die Karte schon leer????"

"Nein, ein echtes Problem: Mein Zug fährt nicht - ich komm nach Hause! (immer eine gute Drohung von mir)

"WAS? Nein, warte, ich kümmere mich darum, ich ruf gleich wieder an - aber BLEIB ERSTMAL DA AM BAHNHOF!" ( meine Drohung hat funktioniert ;-)))

Kurze Zeit später ruft er mich an und teilt mir mit, was ich auch schon bemerkt hatte:

"Liebste Ehefrau von allen: Es läuft gerade gar nicht gut mit den Zügen... deswegen: Nimm ein Taxi, ich zahle auch!" 

Es sei mal dahin gestellt, ob er mir in liebender Hingabe von Herzen meinen Urlaub gönnte und dafür sämtliche Unkosten in Kauf nahm oder ob er einfach verhindern wollte, dass ich tatsächlich den Rückweg antreten könnte...

Und dann begann die Odyssee....  Dazu sei zu erwähnen:

Ich bin schwanger und meine Rundungen haben zugenommen. Abgenommen hat meine Fitness und die Bewegungsmöglichkeiten, die Langatmigkeit ist der Kurzatmigkeit gewichen und ich  hatte einen vollen Koffer im Schlepptau, den ich nun selbst ziehen musste.

Ausserdem: Meine sportlichen Zeiten liegen seit dem Schulabschluss hinter mir. Danach brauchte ich nur einigermassen "in shape" zu bleiben, bis ein dahergelaufener Ahnungsloser sich in mich verliebte und mich zur Frau nahm. Seit ich das geschafft habe, ist es mit dem Sport, der Fitness und dem Interesse dafür rapide zurück gegangen.... Gibt es doch so Erfindungen wie die Alimente usw...

Diese Tatsache plus die schwangeschaftsbedingten Einschränkungen machten mir die folgenden 45 Minuten zur Unfreude des Tages.

Wir hatten also festgestellt, dass ich mit dem Zug wohl nicht weiter kommen würde und so machte ich mich auf den Weg, ein Taxi zu finden. Vorher hatte ich mit Koffer und eigenem Körpergewicht noch an drei Gleisen versucht, doch in einen Zug zu kommen, aber da ich zur Stosszeit nicht die Einzige unterwegs war, kam ich gerade mal bis zur Hälfte der Treppe - so voll war es - und drehte atemlos wieder um Richtung Taxi.

Ausgesehen hab ich etwa so: ein übergewichtiges Nilpferd mit verkleinerte Lunge, einem gebrochenen Bein und ohne Navi zieht in fremdem Gefilden ein anderes übergewichtiges Nilpferd mit noch weniger Orientierungssinn hinter sich her....

Beim Taxistand war gerade kein Taxi da, also nutze ich die Zeit, einen Bankautomaten zu finden, um Geld für das Taxi zu besorgen. Ich "eilte" also zur nächsten Bank, die mir der unterstützende Ehemann am Telefon beschrieb, stellte mich ziemlich dämlich an, kam aber schliesslich rein und hob Geld ab. Dann "sprintete" ich zurück zum Taxistand, der zwar wartende Menschen mit der gleichen Idee, aber keine Taxis beherbergte...

Ich rief also ein Taxiunternehmen an (ok, erstmal holte ich 10 Min Luft und versuchte meinen Puls auf unter 300 zu bringen....) um zu erfahren, dass wegen der Zugausfälle alle Wagen bereits unterwegs seien... Echt jetzt?

Aber die Pummelfee gibt ja nicht so schnell auf - vor allem wenn ich auf Kosten des Ehemannes Taxi fahren kann - und ruft beim nächsten Unternehmen an. Pech, gleiche Aussage...

Ich rief vier Unternehmen an und alle erzählen mir, dass sie aufgrund der Zugausfälle bereits alle Wagen im Einsatz hätten... Na toll.

Ich sah meinen Urlaub schon dahin fliegen. Kein Zug, kein Taxi, kein Ehemann der mich zurückwill und bei weiterem Lauf keine Luft mehr zum Atmen, keine Kraft in den Armen und ein Baby das erbarmungslos auf die inzwischen gefüllte Blase tritt - so nach dem Motto "Na, Mutter, du denkst das war schon alles? Ich zeig dir, was in ein paar Wochen an Stress auf dich zukommt..."

Ich stand kurz von den Tränen... aber mir fehlte die Kraft, sie rauszudrücken.

Also rief ich wieder den Ehemann an, der inzwischen auch schon versucht hatte, mich zu erreichen, aber ich war ja mit den nutzlosen Taxiunternehmen beschäftigt....

Schatz, hol mich ab, ich kann nicht mehr, bin erschöpft und Taxis gibt es auch keine.

 

Doch Schatz hatte inzwischen herausgefunden, dass die Störung bei der Bahn behoben worden war und die Züge wieder fuhren. Und (wie sollte es auch anders sein) in wenigen Minuten fuhr der Zug, der die letzte Möglichkeit für mich bot, pünktlich nach Basel zu meinem Anschluss zu kommen.

Problem war, ich stand noch am Taxistand.... Für einen normalen Menschen wäre die Strecke mit einem Spurt zum Gleis in unter 1 Minute machbar gewesen... Ich bin aber zur Zeit kein normaler Mensch!!!

 

Und so teilte ich dem Ehemann mit, dass ich es mit Bauch, Gepäck und Fitnesslosigkeit im Nilpferdstil nicht zum Zug schaffen werde und nun aufgebe... Doch dann hatte mein Mann die rettende Idee:

Er erinnerte mich daran, dass ich ja (ausnahmsweise) in der 1. Klasse fuhr - und: in der 1. Klasse bekommt man im ICE immer gratis Snacks. Heute sei es Schokolade.....

Mein erschöpfter Körper hörte "Schokolade" und alle Mühsal war weggeblasen. Wo musste ich hin? Ich schnappte das übergewichtige Nilpferd, Bauch und spurtete auf meinen Nilpferdbeinen rüber zu den Gleisen (das Video dazu ist sicher schon bei YouTube hochgeladen...) und in letzter Minute wuchtete ich mich in den Zug.

Voller Vorfreude verflog die kurze Zeit bis Basel und schwupp sass ich tatsächlich gerade noch pünktlich im ICE. Ich starrte erwartungsvoll die Bahnangestellten im Zug an - und kurz nach Abfahrt erfüllte sich die Zusage vom Ehemann: das Personal kam "mit einer kleinen Aufmerksamkeit" herum: Schokolade!!!!!!!

 

Vergessen der Stress, die Schmerzen und die Unzuverlässigkeit der Bahn... Solange auf die Schokolade in der 1. Klasse Verlass ist, will ich mich nie wieder beschweren ;-)

 

Nun sitze ich im Zug, der bis HH durchfährt und von dort komme ich dann irgendwie weiter. Falls nicht: Hamburg hat viele Taxis und der Mann zahlt ja :D

Und: das Personal ist schon 2mal rumgekommen mit "einer kleinen Aufmerksamkeit"  :D

Auf die Bahn ist Verlass! :D

 

 

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